Interview

Dr. Ahmed Emam, Facharzt für interventionelle Kardiologie, Chest Disease Hospital Kuwait

16. März 2026

Das Chest Disease Hospital in Kuwait ist das erste Zentrum im Land, das das Paradise™ uRDN-System einsetzt – ein bedeutender Fortschritt in der Behandlung der Hypertonie. Dr. Ahmed Emam, einer der führenden interventionellen Kardiologen der Region, berichtet über seine ersten Erfahrungen mit der Technologie, warum uRDN speziell für die Golfregion relevant ist und wie erweiterte klinische Leitlinien zukünftige Behandlungsstrategien verändern könnten.

1. Das Chest Disease Hospital in Kuwait ist das erste Zentrum in Kuwait, das das uRDN Paradise System einsetzt. Wie sind Ihre ersten Eindrücke?

Wir sind stolz darauf, das erste Krankenhaus in Kuwait zu sein, das die renale Denervierung mit dem Paradise™ uRDN-System eingeführt hat. Mein erster Eindruck war sowohl aus prozeduraler als auch aus klinischer Sicht sehr positiv. Die Technologie ist intuitiv, der Workflow reibungslos und das Sicherheitsprofil ausgezeichnet. Erste Ergebnisse zeigen ermutigende Blutdrucksenkungen – selbst bei Patienten mit langjährig unkontrollierter Hypertonie.

So habe ich vor einigen Monaten einen 56‑jährigen Patienten mit unkontrollierter Hypertonie trotz vier antihypertensiver Medikamente mit dem ReCor Paradise™ Renal Denervation System behandelt. Innerhalb von drei Monaten sank sein Praxisblutdruck von 168/98 mmHg auf 132/80 mmHg – ohne zusätzliche Medikation.


2. Was ist das Besondere an der Hypertonie in der Golfregion?

In der Golfregion tritt Hypertonie häufig in jüngerem Alter und mit größerer Schwere auf als in vielen anderen Teilen der Welt. Dies ist vor allem auf Lebensstilfaktoren zurückzuführen, darunter hoher Salzkonsum, zunehmende Adipositas, Bewegungsmangel und eine hohe Prävalenz von Diabetes.

Zudem ist die langfristige Therapietreue bei antihypertensiven Medikamenten oft unzureichend. Daher können gerätebasierte Therapien wie die renale Denervierung (RDN) in dieser Population eine wichtige Rolle spielen.


3. Sehen Sie neben den bislang in klinischen Studien zur Validierung der RDN untersuchten Patientenpopulationen weitere geeignete Gruppen?

Ja. Über die resistente Hypertonie hinaus bin ich überzeugt, dass mehrere weitere Patientengruppen von der renalen Denervierung profitieren könnten. Dazu zählen Patienten mit Medikamenten-unverträglichkeiten, schwankender Blutdruckkontrolle oder mangelhafter langfristiger Therapieadhärenz – insbesondere dann, wenn weiterhin ein hohes kardiovaskuläres Risiko besteht. Ein großes Potenzial sehen wir zudem bei jüngeren Hypertonikern, die davon profitieren könnten, ihre lebenslange Exposition gegenüber mehreren antihypertensiven Medikamenten sowie die kumulative Belastung durch eine langfristige Pharmakotherapie zu reduzieren. Darüber hinaus stellen hypertoniekranke Frauen im gebärfähigen Alter eine wichtige Subgruppe dar. Viele gängige antihypertensive Wirkstoffe sind potenziell teratogen, was einen nicht‑pharmakologischen, gerätebasierten Ansatz bei sorgfältig ausgewählten Patientinnen besonders attraktiv macht.


4. Wie ist die allgemeine Einstellung neu diagnostizierter Hypertoniepatienten in der Golfregion gegenüber einer lebenslangen medikamentösen Therapie?

In der Golfregion besteht häufig eine deutliche Zurückhaltung gegenüber dem Beginn einer lebenslangen antihypertensiven Therapie – insbesondere bei jüngeren und asymptomatischen Patienten. Vielen fällt es schwer, das Konzept einer chronischen Erkrankung zu akzeptieren, die eine dauerhafte Medikation erfordert. Bedenken hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen, langfristiger Abhängigkeit sowie der psychologischen Stigmatisierung durch eine „chronische Erkrankung“ beeinflussen die Entscheidungsfindung häufig. Infolgedessen ist die Therapieadhärenz von Beginn an oft inkonsistent. Diese Haltung macht die renale Denervierung für ausgewählte Patienten zu einer attraktiven Option – insbesondere dann, wenn sie verstehen, dass es sich um eine sichere, minimalinvasive und langfristig wirksame Intervention handelt.


5. Angesichts der hohen Prävalenz von Hypertonie: Gibt es neben klassischen Überweisungspfaden weitere geeignete Ansätze, um diese Population zu erreichen?

Absolut. Angesichts der hohen und weiter zunehmenden Hypertonielast in der Golfregion kann eine ausschließliche Fokussierung auf traditionelle Überweisungspfade den Zugang zu innovativen Therapien einschränken. Breiter angelegte Strategien sind daher essenziell. Öffentlichkeitskampagnen und strukturierte Screening‑Programme in der Primärversorgung können dazu beitragen, unkontrollierte oder Hochrisikopatienten früher zu identifizieren. Ebenso wichtig ist eine stärkere Zusammenarbeit zwischen Kardiologen, Nephrologen und Hausärzten, um effiziente und klar definierte Überweisungsnetzwerke zu etablieren. Darüber hinaus bieten betriebliche Gesundheitsprogramme und digitale Gesundheitsplattformen – einschließlich der telemedizinischen Blutdrucküberwachung – wertvolle Möglichkeiten, unkontrollierte Hypertonie frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig therapeutisch zu intervenieren.


6. Die ESC
‑Leitlinien 2024 erlauben die Berücksichtigung der RDN bei Patienten mit unkontrollierter Hypertonie unter weniger als drei Medikamenten bei erhöhtem kardiovaskulärem Risiko. Wie relevant ist dies für Ihre Region? Ist mit Erstattungswiderständen zu rechnen?

Die Leitlinien der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) aus dem Jahr 2024 sind für unsere Region von hoher Relevanz. In der Golfregion beobachten wir eine besonders hohe Prävalenz von Begleiterkrankungen wie Diabetes mellitus und chronischer Nierenerkrankung, die das kardiovaskuläre Risiko erheblich erhöhen – selbst dann, wenn die Hypertonie noch nicht als resistent klassifiziert ist. Die Möglichkeit, eine renale Denervierung bei Hochrisikopatienten unter weniger als drei Medikamenten in Betracht zu ziehen, eröffnet die Chance, früher im Krankheitsverlauf zu intervenieren. Klinisch ist dies von großem Wert, insbesondere bei Patienten mit unzureichender Blutdruckkontrolle trotz Therapie, Medikamentenunverträglichkeiten oder Adhärenzproblemen. Aus Erstattungssicht mag es anfänglich Vorbehalte gegenüber einer breiteren Indikationsstellung geben. Mit zunehmender Evidenz aus dem Versorgungsalltag und einer klareren Darstellung der Kosteneffektivität durch die Reduktion langfristiger kardiovaskulärer Ereignisse gehe ich jedoch davon aus, dass Kostenträger eine breitere Anwendung zunehmend unterstützen werden – insbesondere bei Hochrisikopopulationen mit erheblichem potenziellem Nutzen.


7. Wie relevant ist das neue GIS‑Konsensuspapier zur RDN?

Das Konsensuspapier der Gulf Intervention Society (GIS) zur renalen Denervierung ist für unsere Region von großer Bedeutung. Als Mitglied des Autorenteams kann ich bestätigen, dass es dringend benötigte praktische Orientierung für Kliniker bietet, während die Anwendung der RDN weiter zunimmt.

Besonders wichtig ist die Standardisierung zentraler Aspekte wie Patientenselektion, prozedurales Vorgehen und Nachsorgekonzepte. Dies ist entscheidend, um konsistente Behandlungsergebnisse sicherzustellen – insbesondere, da immer mehr Zentren RDN anbieten und die Erfahrung der Operateure variiert. Für aufstrebende Märkte wie den unseren beschleunigt eine solche strukturierte regionale Leitlinie die Lernkurve, richtet die klinische Praxis an internationalen Standards aus und stärkt das Vertrauen von Ärzten und Institutionen.


8. Was sind die zentralen Botschaften des Konsensuspapiers?

Drei Kernbotschaften stechen hervor:

  • RDN ist eine validierte, leitliniengestützte Therapie – sie gilt nicht mehr als experimentell.
  • Die Patientenselektion sollte sich am gesamten kardiovaskulären Risiko orientieren, nicht ausschließlich an der Anzahl der eingenommenen Medikamente.
  • Ein multidisziplinärer, strukturierter Versorgungspfad ist essenziell, um sichere Eingriffe und eine nachhaltige Blutdrucksenkung zu gewährleisten.


9. Wie nehmen verschiedene Stakeholder die RDN wahr – und wie sollte man diesen Wahrnehmungen begegnen?

  • Interventionelle Kardiologen: In der Regel sehr positiv eingestellt. Sie erkennen die robuste klinische Evidenz und schätzen die prozedurale Einfachheit sowie das Sicherheitsprofil der RDN.
  • Allgemeine / nicht‑interventionelle Kardiologen: Zunehmend unterstützend, insbesondere durch die wachsende Zahl randomisierter Studien und die Leitlinienempfehlungen. Einige wünschen sich jedoch weiterhin mehr lokale oder regionale Daten. Kontinuierliche Fortbildung und das Teilen früher Real‑World‑Erfahrungen können hier Vertrauen schaffen.
  • Nephrologen: Interessiert, aber zu Recht vorsichtig. Der Fokus liegt auf der langfristigen Nierensicherheit. Transparente Versorgungsdaten, Registerergebnisse und interdisziplinäre Zusammenarbeit sind entscheidend, um Vertrauen und Akzeptanz aufzubauen.
  • Hausärzte / Internisten: Das Bewusstsein ist noch begrenzt. Vielen sind aktuelle Indikationen und Überweisungskriterien nicht bekannt. Klare, vereinfachte Überweisungspfade und gezielte Schulungsformate können die Einbindung deutlich verbessern.
  • Patienten: Sehr aufgeschlossen, sobald sie gut informiert sind. Die Aussicht auf eine nachhaltige Blutdrucksenkung und eine Reduktion der Medikamentenlast spricht insbesondere jüngere Patienten und solche mit Adhärenzproblemen stark an.
  • Öffentlichkeit: Das allgemeine Bewusstsein ist gering. Breitere Public‑Health‑Kampagnen und verantwortungsvolle Medienberichterstattung können das Verständnis von Hypertonie als chronischer Erkrankung verbessern und neue Therapieoptionen wie die RDN bekannter machen.


10. Wie erläutern Sie die RDN‑Therapie geeigneten Patienten, und was empfehlen Sie Kolleginnen und Kollegen?

Im Gespräch mit geeigneten Patienten konzentriere ich mich auf drei zentrale Aspekte:

  • Sicherheit: Ich erkläre, dass die renale Denervierung ein minimalinvasives Verfahren mit einer starken globalen Sicherheitsbilanz und einer sehr niedrigen Komplikationsrate ist. Die Beruhigung hinsichtlich der Nierensicherheit und der prozeduralen Einfachheit ist dabei essenziell.
  • Nachhaltigkeit: Ich betone, dass RDN eine langfristige Blutdrucksenkung über Jahre hinweg ermöglicht – nicht nur über Tage oder Wochen. Dieser dauerhafte Effekt ist besonders relevant bei chronischen Erkrankungen wie der Hypertonie.
  • Ergänzender Ansatz: Ich stelle klar, dass RDN Lebensstilmaßnahmen und medikamentöse Therapie ergänzt. Sie ersetzt weder gesunde Gewohnheiten noch Medikamente, sondern ist ein zusätzliches Instrument zur besseren und stabileren Blutdruckkontrolle.

Gegenüber Kolleginnen und Kollegen plädiere ich nachdrücklich für einen patientenzentrierten Ansatz. Wir sollten das gesamte kardiovaskuläre Risikoprofil bewerten – nicht nur die Anzahl der Medikamente. Ebenso wichtig ist die Berücksichtigung von Adhärenzproblemen, Medikamentenunverträglichkeiten und der langfristigen Risikobelastung. Bei geeigneten Patienten empfehle ich, RDN früher in Erwägung zu ziehen und nicht erst als letzte Option. Eine frühe Intervention kann den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen und das kumulative kardiovaskuläre Risiko langfristig reduzieren.